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safehands | the art of goalkeeping Bregenz Oktober 2015

Marco Knoop: „5-mal mehr Aktionen in der Raumverteidigung“
Qualität hält sich. Bereits zum elften Mal führte Safehand / Art of Goalkeeping ein Torwarttrainer-Seminar durch. Zum sechsten Mal fand diese Veranstaltung in Bregenz statt. Und wie immer brauchten die teilweise weit angereisten Teilnehmer ihren langen Anfahrtsweg nicht bereuen. Mit Marco Knoop (U23-Torwarttrainer RB Leipzig) und Filip de Wilde (U21-Torwarttrainer der belgischen Nationalmannschaft) führten zwei ausgezeichnete Kenner der Materie durch die Ganztagesveranstaltung.
Den Vormittag bestritt Marco Knoop, U23-Torwarttrainer bei RB Leipzig. In einem ca. 90-minütigem Vortrag stellte er zunächst die Spielphilosophie der Sachsen sowie die Auswirkungen dieser Spielauffassung auf das Torwartspiel vor.

Die Spielphilosophie

Die Spielphilosophie der „Bullen“ ist auf ein Spiel gegen den Ball ausgelegt. Dazu agiert die Mannschaft sehr kompakt. Bälle werden nach der Balleroberung möglichst schnell und lang nach vorne in die Tiefe gespielt. Alle Aktionen erfolgen in hohem Tempo. Durch ein sehr frühes Pressing nach Ballverlusten sollen außerdem die Wege zum gegnerischen Tor kurz gehalten werden. Angriffe werden nach der Balleroberung schnellstmöglich abgeschlossen.

Auswirkungen auf das Torwartspiel

Jede Spielphilosophie beinhaltet auch ihre speziellen Anforderungen an das Torwartspiel. Für die Torhüter des ambitionierten Zweitligisten bedeutet diese Spielweise, dass sie extrem weit aufrücken müssen, um den breiten Raum hinter der Viererabwehrkette mit absichern zu können. Diese Vorgabe stellt aber hohe Anforderungen an die Torhüter. Weil der Torhüter bei dieser Spielweise viele Aktionen in hohem Tempo außerhalb des Strafraumes durchführen muss, braucht er eine hohe Antizipationsfähigkeit, eine schnelle Entscheidungsfindung sowie eine gute Antritts- und Sprintschnelligkeit bis 30 m. Entscheidet er sich nämlich falsch, ist die Gefahr eines gegnerischen Torerfolgs groß. Außerdem ist der Keeper oft Rot gefährdet, denn bei einem ungenauen Timing beim Herauslaufen ist ein Zusammenprall mit dem Stürmer kaum zu vermeiden. Das Areal, das der Torwart verteidigen muss, ist bei einer hoch stehenden Abwehr also sehr groß.

Analyse der Gegentore

Um sich ein Bild davon zu machen, bei welchen Aktionen die Torhüter der „Bullen“ besonders häufig Gegentore hinnehmen müssen, werden alle Gegentore in einer standardisierten Tabelle erfasst. Kriterien sind z.B. Tore nach langen Bällen, Abschluss im 16er oder außerhalb, durch Kopfball, über rechts oder links, nach einem Kopfball. Die Ergebnisse dieser Untersuchung zeigten, dass RB Leipzig 5-mal mehr Aktionen in der Raumverteidigung hat als andere Teams. Das hohe Pressing führt zu ungleich viele Steilpass-Situationen. RB-Torhüter werden also „untypisch“ gefordert, weshalb sich das Torwarttraining bei RB vermehrt an diesen Gegebenheiten ausrichten muss.

Teamtraining versus Torhüter

Da die RB-Torhüter nach Steilpass-Vorlagen meist in der Mitte des Spielfeldes agieren, arbeiten die Trainer größtenteils mit Trainingsformen „im Schlauch“. Flankenaktionen treten in diesen Trainingsformen eher selten auf. Eine häufig gewählte Spielfeldgröße, um die Handlungsschnelligkeit der Spieler zu schulen, ist der doppelte 16-er. Der Aktionsraum ist bei dieser Spielfeldanordnung eng und schlauchförmig. Bei diesen Spielformen werden die Torhüter häufig in Schusssituationen auf kürzester Distanz (Zielverteidigung) verwickelt, weniger jedoch in Spielsituationen mit Raumverteidigung, die in Punktspielen von RB-Teams häufig auftreten. Es besteht also bei diesen Übungsformen eine Diskrepanz zu dem, was im Ernstfall von ihnen gefordert wird. Dadurch werden die Torhüter im Teamtraining zu wenig auf die Anforderungen im Spiel vorbereitet.

Komplextraining

Einen hohen Stellenwert hat bei RB Leipzig das sogenannte Komplextraining. Darunter versteht man die Kombination von Trainingsinhalten aus zwei Kategorien. So kann z.B. die Raumverteidigung mit dem Offensivspiel verbunden werden. Oftmals werden auch Elemente einer Kategorie mit Zusatzreizen verbunden, zum Beispiel Rückpassaktionen mit Zahlen oder Farben. So können beispielsweise verschiedene Ballfarben signalisieren, wohin oder mit wem der Ball in der Folgeaktion gespielt werden soll. Ziel des Komplextrainings ist, aus der starren Trainings- und Bewegungsroutine herauszutreten und mit Zusatzaufgaben variierenden Stress zu erzeugen.

Knoop zeigte Möglichkeiten auf, wie über verschiedene Varianten die Übungen intensiviert und somit die mentale Belastung beim Torhüter erhöht werden kann. Über die „Regler“ Zeit, Präzision, Komplexität, Situation und Belastung lassen sich die Anforderungen an die Torhüter verschieben.

Erwartungen erzeugen Druck

Da der RB Leipzig als klares Ziel den Aufstieg in die erste Bundesliga formuliert hat, müssen entsprechende Ergebnisse eingefahren werden. Wenn etwas nicht nach Plan läuft, ist der Druck auf die Trainer und Spieler hoch. Besonders Torhüter werden nach Patzern schnell als Schuldige ausgemacht. Weil speziell sie viel Stress empfinden, muss sich der Trainer Gedanken machen, wie er diesen Druck abschwächen kann.

Ein weiteres Problem kommt hinzu. Da das Torwartwarttraining bei RB extrem auf das Spielsystem ausgerichtet ist, können andere Bereiche des Torwartspiels in der Ausbildung zu kurz kommen. Speziell in der Entwicklungsphase eines jungen Keepers sollte aber die Ausbildung breiter angelegt sein.

Dokumentation des Trainings

Zum Schluss erläuterte Marco Knoop anhand von anschaulichem Material, wie jeder Trainer seine Trainingsinhalte in einer kalenderähnlichen, standardisierten Vorlage eintragen muss. So lässt sich leicht feststellen, wie viele Stunden der Trainer in welchem Bereich gearbeitet hat.

Die Theorie in der Praxis

Wie bereits oben erwähnt, verdeutlichte Marco Knoop im anschließenden Praxisteil anschaulich, wie das Komplextraining bei RB Leipzig aussieht. Er stellte Aufwärmübungen vor, in denen die Torhüter bereits in der Aufwärmphase geistig gefordert werden (Rechenaufgaben, Farben mit unterschiedlicher Bedeutung) und so die oft übliche Bewegungsroutine aufgehoben wird. Weitere Übungen zur Methode des Komplextrainings schlossen sich an.

Die Referenten